Montag, 20. Mai 2013
In meinen Gedanken bist du so groß wie ein Riese, mit Armen so lang wie die Äste der Kastanie vor dem Fenster. Oft saß ich an die Scheibe gelehnt und schaute hinaus in ihre Blätter und deine Stimme wehte mir in den Nacken, manchmal bekam ich Gänsehaut und warf den Kopf zurück, dann hast du gelacht und deine Hände auf meine Schultern gelegt. Wenn ich an deine Hände denke, haben sie die Ausmaße eines Bettes, in welches ich mich legen könnte.
Deine Stimme, die in meiner Brust vibrierte, wenn du wütend wurdest. Ich erinnere mich an deinen großen, schweren Körper und an dein Haar. Wenn ich dich mir vorstelle, bist du wie aus Stein und dein Haar aus Seetang, so fest, dass man Schiffe damit bauen könnte.
Ich erinnere mich auch an dein Atmen, wenn du kurz vorm Einschlafen warst und an dein pfeifendes Lachen. In meinem Kopf bist du mittlerweile so gewachsen und riesig geworden, dass du mir vorkommst wie eine dieser Statuen, die Diktatoren von sich aufstellen lassen.
Jetzt, da ich dich wiedersehen kann, merke ich, wie sehr ich dich aufgebläht habe. Du bist wie damals, aber meine Sehnsucht hat dich bis zur Unkenntlichkeit vergrößert, dass ich mich erst wieder an deine Menschlichkeit gewöhnen lernen muss.

... comment